EIN BLICK AUS DEM JENSEITS INS HIER (NEWS)

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Christoph Schlingensief. Nach der Krebsdiagnose inszeniert er wieder an der Burg. Ein Gespräch über Angst, den Papst und Francescas Hilfe.

Die Regieanweisungen kommen über Mikrofon, und die Stimme klingt fest. Ein schwarzer Vollbart rahmt das ausdrucksstarke, hagere Gesicht ein. Christoph Schlingensief, 48, ist zurück in Wien. Im Arsenal, der Probebühne des Burgtheaters, bereitet er seine nächste Produktion vor: „Mea Culpa“, eine opernhafte Verarbeitung der Angst eines Menschen, der um sein Leben ringt, hat am 20. März Premiere. Elfriede Jelinek schrieb dafür einen Text. Dass er das Projekt überhaupt beginnen konnte, war auch für ihn selbst noch vor wenigen Wochen ungewiss. Vor einem Jahr erkrankte er, der nie eine Zigarette geraucht hatte, an Krebs, der ihn den linken Lungenflügel kostete. Kunstmäzenin Francesca Habsburg brachte ihn zur Spezialbehandlung nach Wien. Im September glückte das Comeback im Rahmen der Ruhrtriennale mit der Aufarbeitung der Krankheit im Oratorium „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ (NEWS berichtete). Im Dezember entdeckte man weitere Metastasen. Schlingensief musste sein Team entlassen und wusste nicht weiter. Francesca von Habsburg sprang ein und finanziert ihm eine Mitarbeiterin. Nun plant er gar ein Opernhaus in Afrika. Und die Unterstützer kommen in Scharen: Francescas Stiftung TBA 21, Henning Mankell, die Galerien Charim, Hauser & Wirth, das Goethe-Institut, der deutsche Außenminister Steinmeier und Bundespräsident Köhler stehen alle hinter ihrem Künstler. NEWS traf Christoph Schlingensief bei seinen Proben und sprach mit ihm über Todesangst, den Papst, den neuen Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann und seine Pläne.

NEWS: Stimmt es, dass man im Dezember zehn neue Metastasen bei Ihnen gefunden hat?

Schlingensief: Es waren wohl doch mehr. Jedenfalls standen wir nach dieser Diagnose unter totalem Schock. Ich war mir sicher, dass ich nicht mehr lange habe. Der Radiologe wollte sofort mit einer weiteren harten Chemo beginnen. Ich wechselte die Klinik und fand einen anthroposophischen Arzt. Er heißt Grah, so wie der Gral, nur nicht mit „l“. Er ist auch Beuys-Fan und kommt zu meiner Aufführung nach Wien. Es ist sehr wertvoll, dass wir eine inhaltliche Nähe haben. Er ist Schulmediziner, aber er sieht den Patienten ganzheitlich. Und das ist wichtig! Ich bekam von ihm eine neue Tablette. Die schneidet den Metastasen die Ernährung ab und lässt sie absterben. Im Normalfall wirkt sie aber erst nach zwei bis drei Monaten. Bei mir war das aber schon nach vier Wochen. Und so rätseln die Ärzte jetzt. Vor einem Jahr unterzog ich mich in Wien einer dendritischen Therapie bei Dr. Matthai. Dabei wird das Blut gewaschen, und bestimmte Abwehrzellen werden scharf gemacht. Dazu hat mir Francesca geraten und geholfen. Zusätzlich mache ich noch eine Mistel-Therapie. Und dann kommen noch ein paar andere kleinere Behandlungen wie eine Darmtherapie dazu. Ich habe meine Wehwehchen. Es gibt Heultage, an denen ich sehr traurig bin, weil es mir nicht gut geht. Es war ein drastischer Krebs. Damit ist man immer im Risikobereich.

NEWS: Wie leben Sie damit?

Schlingensief: Ich denke immer daran, was wäre, wenn … Das ist ein echter Schock. Das ist traumatisch. Aber ich habe Methoden gefunden, damit umzugehen. Aino und ich sind jetzt verlobt. Mit ihr und mit meinen Freunden habe ich großes Glück. Unser ganzes Burg-Team besteht fast ausschließlich aus Freunden und Menschen, die helfen und keinen Krieg führen wollen, wie so oft am Theater.

NEWS: Wie schaffen Sie die stundenlangen Proben?

Schlingensief: Ich habe morgens manchmal wirklich Schwierigkeiten, hierherzukommen. Aber alles, was mir Freude macht und mich nicht anstrengt, macht mich gesund. Positiver Stress ist gut. Was mich zermürbt, macht mich krank. Ich habe jetzt gelernt, wie ich abschalten kann. Das konnte ich früher nicht. Man muss abwarten. Ich habe nach der Produktion wieder eine neue Untersuchung.

NEWS:„Mea Culpa“ heißt im Untertitel „ReadyMadeOper“.

Schlingensief: Ich habe in Bayreuth eine tolle Arbeit hingelegt und fand dort den Weg zur Oper. Den verfolge ich weiter. Aber die Oper ist ein Zitat ihrer selbst geworden. Deshalb versucht man sie zu zerstören. Man engagiert Regisseure, die eine Oper im Waschsalon oder im Pornokino spielen lassen. Das mag ich gar nicht. Bei „Parsifal“ gibt es genug Stellen, wo man diese Oper anhalten und Fragen stellen könnte. Aber die „Kenner“, die das Werk schon ein paar Mal gesehen haben, stellen keine Fragen mehr. Und das karikiere ich hier auch ein bisschen. Es wird wie ein großer realer Traum. Aber ich zerlege hier keine Wagner-Oper.

NEWS: Und worum geht es?

Schlingensief: Der Mensch ist ein einsames Tier. Er kann sich glücklich schätzen, wenn er diese Liebe, die es auf dieser Erde gibt, noch einmal spüren darf. Es geht in „Mea Culpa“ um einen Weg in die Zukunft von jemandem, der schon einmal den Tod berührt hat. Nicht dass ich ein Nahtod-Erlebnis hatte, aber ich zeige, wie man mit diesen Existenzängsten umgeht. Sozusagen ein Blick aus dem Jenseits nach hier. Bei der Ruhrtriennale war ich nur dankbar, dass ich wieder da war und dass ich wieder arbeiten konnte. Jeder Tag war wie ein Ausflug auf den Mond. Viele Leute haben da erstmals begriffen, dass ich auch in meinen früheren Arbeiten das Thema „Erlösung“ verarbeitet habe.

NEWS: Glauben Sie an Erlösung?

Schlingensief: Ich kann nur sagen, ich bin Christ, und ich glaube an Gott. Eine katholische Zeitung schrieb, ich solle mich wieder zum katholischen Weg bekehren, solange es noch geht. Das war eine Drohung. Es gibt sicher tolle Pfarrer, die gute Arbeit machen, und deshalb sollte man auch Kirchensteuer zahlen. Aber vom Vatikan und diesen Aufwandstaktikern werden Gott und Gottes Liebe nicht vertreten. Und dann haben wir noch diesen deutschen Papst, der es nicht schlimmer treiben könnte. Eine riesige Blamage, eine komplette Absage an die Liebe Gottes. Ich glaube, Erlösung ist der einsamste Moment, den der Mensch erfährt. Es ist absolut grauenhaft, wenn man merkt, jetzt geh ich. Jetzt ist Schluss, auch wenn es danach etwas gibt. Und das ist nicht auszuschließen. Aber ich habe keine Lust, mich von hier zu trennen. Ich will nicht Harfe spielen, ich will da oben nicht singen. Oder Weintrauben essen und Jungfrauen treffen… je nach Religionszugehörigkeit.

NEWS: Werden Sie mitspielen?

Schlingensief: Vielleicht, aber es ist noch alles offen. Ich lege momentan mehr Wert auf einen genauen Ablauf. Früher wollte ich dauernd etwas ändern. Damit habe ich die Schauspieler oft verwirrt. Ich kann jetzt nicht mehr so herumrasen wie früher. Und das will ich auch gar nicht. Ich arbeite jetzt viel genauer und lasse mir mehr Zeit. Meine Regieanweisungen spreche ich in ein Mikrofon, damit ich nicht zu laut schreien muss. Das wäre nicht gut für mich.

NEWS: Stimmt das: 2010 eine Oper in Berlin, später eine Inszenierung in Bayreuth? Und gibt es Pläne mit Matthias Hartmann?

Schlingensief: Jetzt mache ich erst einmal die Arbeit hier an der Burg. Dann wird mein Oratorium „Kirche der Angst“, das bei den Ruhrfestspielen unter Jürgen Flimm stattfand, zum Berliner Theatertreffen als Eröffnungsvorstellung eingeladen. Und was Bayreuth angeht … Na ja, Katharina Wagner hat kürzlich in einigen Interviews und auch in einer Laudatio auf mich geäußert, dass ich unbedingt wieder nach Bayreuth kommen solle, weil ich so viele Verdienste um das Haus und die künstlerische Position der Oper habe. Das hat mich sehr gefreut. Also warten wir mal auf 2016… Und was Matthias Hartmann angeht, so wird er die Burg sicher großartig leiten. Er erzählte mir, als er gerade zum Burgtheaterdirektor bestellt wurde, dass man ihn bei seiner Bewerbung hier in Wien natürlich auch gefragt habe, ob er denn auch mit dem FPÖ-feindlichen Schlingensief arbeiten werde, und da hat er den konservativen Kräften ganz klar gesagt, dass er keinerlei Berührungsängste mit mir habe. Das hat er mir selber erzählt, und das hat mich sehr gefreut! Trotzdem wäre es sicher nicht gut für ihn, wenn er mich gleich zu Beginn holen würde.

NEWS: Wollen Sie wirklich in Afrika ein Opernhaus bauen?

Schlingensief: Diese Idee habe ich bereits seit vielen Jahren und erst in der Nacht vor meiner Operation mit meinem Notar fixiert. Im Jänner waren wir dann in Kamerun, aber im Mai fliegen wir noch nach Burkina Faso, dann nach Tansania und nach Mozambik. Henning Mankell, der dort lebt, hat mich eingeladen. Er wird uns dort unterstützen. Ich will Stipendien einrichten. Damit sollen junge Europäer eine Zeit lang in Afrika arbeiten und junge Afrikaner in Europa. Dafür brauchen wir Sponsoren. Francesca hat mir auch geholfen, wieder ein Berliner Büro für meine Arbeiten einzurichten. Eine ihrer Mitarbeiterinnen arbeitet jetzt in Berlin mein Archiv auf. Durch meine Krankheit musste ich damals alle meine Leute entlassen. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Inzwischen habe ich aber wieder ein neues Büro und Aino und ich eine neue, wunderschöne Wohnung.

NEWS: Was hat die Krankheit für Sie verändert?

Schlingensief: Das Größte war für mich, dass mich so viele Leute begleitet haben. Diese Liebe will ich auch zurückgeben. Ich will die Erkenntnis weitergeben, dass die Erde etwas wahnsinnig Tolles ist. Ich will nicht, dass alles so destruktiv ist. Deshalb kommen mir auch das Theater oder die Kultur und viele Leute, die dieses Theater vertreten, viel kränker vor als ich. Und den jungen Leuten, die sich immer wieder melden, rate ich: Genießt das Leben, solange es geht, aber nehmt euch möglichst früh eine Idee, die euch wirklich erfüllt, bleibt dabei und kämpft dafür.

SUSANNE ZOBL

Aus: NEWS, 5. März 2009