Mit Bühnenstars wie Fritzi Haberlandt und Joachim Meyerhoff hat der schwer kranke Christoph Schlingensief eine ReadyMadeOper“ in Österreichs Hauptstadt inszeniert. Was das sein soll, hat sich unserem Autor tatsächlich erschlossen. Und er ließ sich obendrein zu Tränen rühren.
Von Ulrich Weinzierl
Und das soll ordentliches Theater sein? Die Frage scheint berechtigt. Die im Saal sitzen, stellen sie jedoch nicht. Darin, in solchem Vergessenmachen, liegt die erstaunliche Kraft dieser Uraufführung. Sie rechtfertigt sich durch sich selbst, schafft ihre eigenen Gesetze. Das Unvollkommene, hier wird’s Ereignis. Mit herkömmlicher Bühnenpraxis hatte und hat jene des Christoph Schlingensief stets so viel zu tun wie die blutigen Orgien-Mysterienspiele von Hermann Nitsch: fast gar nichts, nicht mehr als ein Froschkonzert mit Belcanto. Apropos Gesang: Naturgemäß wird in der Wiener „Burg“ üppig geträllert, Schlingensiefs „Mea Culpa“ heißt nicht umsonst und mit einer Verneigung vor Marcel Duchamp im Untertitel „Eine ReadyMadeOper“.
Klar, dass die vokalen Darbietungen meist kein Ohrenschmaus für Stimmfetischisten sind. Wagner und Grieg, Schubert, Schumann und Bach klingen in der Regel besser. Was nicht von vornherein ziemlich daneben oder kläglich wirkt, verzerrt die Elektroakustik absichtlich ins Schrille, Komische. Auch das stört im Grunde niemanden. Es gehört dazu, schön ist hässlich, hässlich schön, wird schlussendlich bejubelt.
War man also Zeuge der allmählichen Gemeindewerdung eines keineswegs bloß aus Schlingensief-Groupies bestehenden Publikums? Ungläubige dürften zudem einwenden: Ein klassischer Fall von moralischer Erpressung. Melde gehorsamst: Mitgefühl geschlossen zum Appell angetreten! Immerhin ist der Charismatiker Christoph Schlingensief, wie mittlerweile urbi et orbi bekannt, schwer krank gewesen. Ein besonders aggressiver Tumor beraubte den 48jährigen Nichtraucher der halben Lunge, Metastasen mussten in der Folge zurückgedrängt werden. Wer den Blick in den Abgrund getan hat, führt fortan eine buchstäblich prekäre Existenz. Der Patient, zumal da er den Krebs mit seiner künstlerischen Arbeit in einer Art kreativen Selbsttherapie wacker thematisierte, bekommt die Tapferkeitsmedaille und wird in eine ungewisse Zukunft entlassen.
So einfach verhält es sich indes und gottlob nicht. „Mea Culpa“ ist der Abschluss einer autobiografischen Trilogie im Zeichen der Krankheit, im Schatten des Todes. Walter Braunfels’ Oper „Jeanne d’Arc“ konnte in Berlin bloß nach dem Konzept des bereits Erkrankten von einem Team seiner Vertrauten szenisch uraufgeführt werden. „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, ein so genanntes „Fluxus-Oratorium“, inszenierte der vorübergehend Genesene im vergangenen Herbst bei der Ruhrtriennale in Duisburg schon selbst als „Requiem für einen Untoten“. Und jetzt, nicht lange vor Ostern, feiert Christoph Schlingensief in Wien sein theatralisches Pfingsten: Auferstehung, das vorläufige Ende einer Passionsgeschichte. Nicht einmal, dass er sie um eine „schöne Leich’“ betrog, haben die Wiener diesem sehr irdischen Reserve-Christus übel genommen.
Die Genrebezeichnung passt genau. Schlingensiefs „ReadyMadeOper“ collagiert in der Tat „objets trouvés“, Fundstücke aus dem kollektiven kunsthistorischen Gedächtnis, ein munter durcheinander gewirbeltes Zitatenlexikon unserer Kultur – sei’s das biblische Buch Kohelet, „Prediger Salomo“, das die Nichtigkeit der Nichtigkeiten verkündet, sei’s Elfriede Jelinek, die Schlingensief zu Ehren den Text „Tod-krank.Doc“ verfasste. Wie üblich verwendete er davon nur eine Wortdosis knapp über der Promillegrenze. Ebenso sind Goethe samt „Faust“ und mephistophelischer Katerweisheit („die Welt, sie steigt und fällt“) sowie Joseph Beuys in Schlingensiefs privater Walhalla gern gesehene Gäste.
Letzterer, von ihm einst als fünfter Evangelist rekrutiert, ist wohl der ästhetische Pate des Abends. Denn der entspricht bis ins Detail den Anforderungen der von Beuys propagierten „sozialen Skulptur“ – eine multimediale Assemblage aus tönenden, bewegten, dreidimensionalen Bildern in einer vollgerümpelten rotierenden Kulissenstadt. Der bedenkenlos plündernde Gesamtkunstwerker Schlingensief inszeniert nicht Bühnenfiguren, sondern uns, die Zuschauer und deren Gefühle.
Die Wunde Wagner, auf Bayreuths Grünem Hügel empfangen und geschlagen, will sich nicht schließen. Ein großer Bogen hält Ouvertüre und Finale zusammen. Er spannt sich von „Parsifal“ über den „Fliegenden Holländer“, den Schlingensief im brasilianischen Manaus auf die Bühne brachte, bis zum „Tristan“. Der freilich geistert vorderhand einzig und allein in seinen Fantasien herum. In der Mitte: ein dreiaktiges Stationendrama der Schwellenerfahrungen am Rande des Nichts, lauter Expeditionen in den Bezirk der Heils- und Heilungsversprechen. Strenge Schulmedizin und Ayurveda-Brimborium, die Flucht in Kunstreligion, der verzweifelte Griff zum vermeintlichen Rettungsanker Liebe – alles wird durchexerziert, schwankend zwischen Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Weiß der Teufel, warum der Name der scheußlichen Ayurveda-Directrice ausgerechnet Angelika Freifrau von Weinzierl lautet! Ich jedenfalls begehre, nicht schuld daran zu sein.
Neben Laien und Stars der Schlingensief-Factory wie Margit Carstensen und Irm Hermann agieren Burgtheaterschauspieler, darunter ein fulminanter Joachim Meyerhoff als des Autors Alter Ego, das sogar in eine riesige Krebszelle zu kriechen hat. An seiner Seite – ihm ebenbürtig – Fritzi Haberlandt in der Rolle der Freundin und Muse sämtlicher sterbender Künstler von Jörg Immendorff ab- und aufwärts.
Auch Schlingensief persönlich hat seinen kurzen Auftritt. Eine fragile, in ihrer Euphorie anrührende Gestalt, die – obwohl eigentlich im Zentrum – sonst an der Peripherie bleibt. Ein letzter Rest von Utopie: Schlingensiefs Projekt eines Festspielhauses für Afrika beherrscht optisch und inhaltlich den dritten Akt. Ob es im Herz der Finsternis zu verwirklichen sein wird, steht in den Sternen. Doch eine andere Vision des apokalyptischen Vorreiters Christoph Schlingensief ist ohne Zweifel Realität geworden: Die von ihm gegründete „Church of Fear“ hat wegen des gewaltigen Mitgliederzustroms der Ängstlichen in der Krise Kathedralenausmaß angenommen.
Der Glanzpunkt der Produktion: Eine ehemalige Opernchoristin, Elfriede Rezabek, singt Isoldes Liebestod. Wen das nicht ergreift, der hat seine Emotionen an der Garderobe abgegeben. Diese greise Isolde lockt ihren Tristan sirenengleich. Aber Christoph Schlingensief denkt noch lange nicht ans Ertrinken, Versinken in höchster Lust, unbewusst. Der Himmel kann warten.
Die WELT vom 22. März 2009