ES IST UNMÖGLICH, IHN ZU IGNORIEREN! (HORIZONT)

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Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief ist Ehrenmitglied des Art Directors Club Deutschland

Christoph Schlingensief ist mitten in den Proben. Im Dezember führt er in Zürich die Koproduktion „Sterben lernen. Herr Andersen stirbt in 60 Minuten“ auf. Doch bevor die Versuchsanordnung am 4. Dezember ihre Premiere feiert, hat Schlingensief die Proben unterbrochen und ist nach Berlin gereist, um dem Art Directors Club für Deutschland als Ehrenmitglied beizutreten.

Der Kreativclub ehrt mit Schlingensief einen Regisseur, der gerne die Provokation sucht und polarisiert. Mit seinen Projekten testet er regelmäßig die Grenzen des gesellschaftlichen Konsens aus. Ihm gegenüber wirken die Kreativen des ADC fast harmlos, wenn sie regelmäßig Regelbruch in ihrer Arbeit propagieren. Denn im Gegensatz zu Schlingensief ist der ADC der Club der kreativen Dienstleister, die Limits normalerweise nur im Auftrage ihrer Kunden ausdehnen dürfen.

Mit Schlingensief nähert sich der ADC einem deutschen Künstler an, der viele Menschen für seine Projekte gewinnen und mobilisieren kann, obwohl er keine harte Diskussion scheut, keine prekären Themen, die das Publikum mit unbequemen Thesen konfrontieren. Denn wie die ADC-Mitglieder beherrscht er die öffentlichkeitswirksame Inszenierung seiner Projekte über alle medialen Kanäle.

Dies ist eine wesentliche Gemeinsamkeit des ADC mit Schlingensief: Die Leidenschaft für kreative Kommunikation. „Es ist unmöglich, ihn zu ignorien. Egal in welchem Medium. Egal ob in der (Kunst-)Szene oder im Mainstream“, sagt Jochen Rädeker, Vorstandssprecher des ADC. Nicht nur Schlingensiefs Documenta-Skandal ist legendär: „Mein Filz, mein Fett, mein Hase, 48 Stunden Überleben für Deutschland“. Auf der Kasseler Kunstausstellung wurde der Regisseur mit seinem Kollegen Bernhard Schütz von der Polizei abgeführt, weil sie ein Plakat mit „Tötet Kohl“ hochhielten. Sei es die Aktionskunst auf der Documenta, eine TV-Show auf RTL oder eine Oper in Bayreuth: „Schlingensief hat uns immer wieder gezeigt, was es bedeutet, einen Gedanken radikal zu formulieren und zu kommunizieren“, sagt Rädeker.

Weder vor Rechtsradikalen auf der Züricher Bühne noch vor Asylanten-Big-Brother in einem Wiener Wohncontainer schreckt Schlingensief zurück. Es sind die aktuelle Themen und Medienformate, die der Regisseur aufgreift und auf die Spitze treibt. Seine Aktionen sind aufmerksamkeitsstark, sodass die „Zeit“ einmal stöhnte: „ Schon wieder Schlingensief!“ Der Theatermacher sei ein „Kunst-Mischkonzern“, dem es immer wieder aufs Neue gelinge, „noch mehr Zeitungsspalten und noch mehr TV-Redezeit zu konsumieren“.

Mit Schlingensiefs Ernennung zum Ehrenmitglied verfolgt der ADC konsequent seine Öffnung und sucht den Dialog mit Kreativen jenseits der kommerziellen Kommunikation. Schlingensiefs Art, Ideen zu generieren und Konzepte zu erarbeiten, ist speziell: Seine Inspiration ist das Tun, der Prozess der Entstehung. Am liebsten entwickelt er eine Idee beim Dreh oder auf der Bühne, ohne das Endergebnis festzulegen. Mit acht Jahren hat Schlingensief schon eine Kamera in die Hand genommen und das Filmemachen begonnen. Um seine Projekte zu realisieren, verließ er bald sein gelerntes Handwerk und bediente sich quasi jeder Kunstform, die für seine Zwecke angemessen zu sein schien.

Wie andere Themen geht Schlingensief sein Krebsleiden ebenfalls hart an. Seit wenigen Monaten hat er erneut den Befund, dass sich Metastasen ausgebildet haben. Nun konfrontriert sich der Regisseur in der aktuellen Versuchsanordnung „Sterben lernen“ mit dem Tod. „Ich werde meine Liebe zum Lebenwollen nun mal nicht los“, sagt er im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Deswegen könne er mit seiner Krebserkrankung nicht abschließen. Der Krebs wird auch weiterhin Thema seiner Projekte sein.

Für diesen anhaltenden Kampfeswillen und sein radikales Festhalten an der Kunst ehrt der ADC Schlingensief. So erklärt Rädeker: „Es gibt Menschen, die uns durch ihre Arbeit nicht nur berühren, sondern uns regelrecht aus der Bahn werfen. Christoph Schlingensief ist so ein Mensch.“

Von Nantjen Küsel, Horizon 49/2009, 3. Dezember 2009