Der Testpilot. Der Selbstprovokateur.
„Liebe Touristen! Schießen Sie Ihre Fotos! Schießen Sie sie hinaus in die Welt. Zeigen Sie den Leuten da draußen das wahre Österreich. Konfrontieren Sie die Menschen mit dem Bösen, das hier in reinster Form regiert.“ – Ein Container vor der Wiener Staatsoper, darauf Logos und Werbeslogans von KRONE und FPÖ, dazu nicht zuletzt die Aufforderung „AUSLÄNDER RAUS“: Damit hat Christoph Schlingensief im Mai 2000 Zeit- und Kunst- und Wiener Festwochen-Geschichte geschrieben. Die internationale Beachtung und der nationale Schock, den diese Low-Budget-Aktion auslöste, waren derart überwältigend, dass Schlingensief jahrelang nicht mehr nach Wien eingeladen wurde.
Von der „Church of Fear“ ins „Bambiland“
Es bedurfte erst des Burgtheaters unter Klaus Bachler, dass der 1960 in Oberhausen geborene Künstler, der mittlerweile die Reise- und Angst-Bewegung „Church of Fear“ gegründet hatte, hierzulande wieder andocken und verunsichern durfte. „Bambiland“, ein alle Sinne überforderndes Stück Theaterkino, frei nach einem Text von Elfriede Jelinek, stellte mehrfach in Frage, was ein Nationaltheater wie die Burg in Zeiten globalisierter Unübersichtlichkeit überhaupt noch zu leisten hat, zu leisten vermag.
Der Animatograph
Er verstörte in Bayreuth mit seinem „Parsifal“ vor allem die Gralshüter des wagnerschen Erbes. Er zog nach Island, um dort, inspiriert von der Bayreuther Drehbühne, einen „Animatographen“ zu entwickeln, ¬einen trashigen Kunst- und Kinoraum, in dem sich Film-, Gedanken- und Assoziationssplitter quasi von selbst zu immer neuen Laufbildsequenzen montieren.
The African Twin Towers
Er zelebrierte an der Berliner Volksbühne „Kunst und Gemüse“. Und bevor er im Jänner kommenden Jahres erneut an der Burg arbeiten wird, baute er zuerst im ostdeutschen Neuhardenberg einen disneyesken, von deutschen Mythenmonstern bewohnten „Parsipark“, um dann, wieder mit dem Animatographen, nach Namibia zu reisen: In dem kleinen südwestafrikanischen Küstenörtchen Lüderitz drehte er u.a. mit Patti Smith und Irm Hermann seinen ersten Kinofilm seit acht Jahren: „The African Twin Towers“.
Wem jetzt schon der Kopf schwirrt, dem geht es ähnlich wie Elfriede Jelinek, die während und nach der Wiener Container-Aktion nur noch darüber staunte, „wie schnell Schlingensief im Reagieren ist. Dass er den Herrschenden die Zustände wie eine Torte ins Gesicht zurückschmeißt.“ Österreichische Aktionskunst von Schwarzkogler, Nitsch, Brus dient ihm dabei ebenso als Vorbild und zündendes Moment wie Arbeiten von Joseph Beuys, Matthew Barney oder Paul McCarthy. Avantgardekino von Kurt Kren bis Werner Nekes hat er ebenso inhaliert wie Meisterwerke von Bunuel, Fellini oder Melville.
Wer heute über den „Theaterprovokateur“ Christoph Schlingensief jubelt oder flucht, übersieht, dass seine Wurzeln im Filmemachen („Das deutsche Kettensägenmassaker“) liegen. Und dass er sich eigentlich selbst schon eher im Bereich der Bildenden Kunst sieht. Und wenn man parallel dazu noch seine Interviews, Talkshow-Auftritte, Internet-Einträge liest, dann hat man zumindest einen starken Eindruck davon, was er meinte, als er einmal sagte: „Ich bin ein Testpilot“, oder: „Ein Selbstprovokateur“.
Angebote und Projektionen
Parteien hat er schon gegründet, wiederholt mit Vollgas diverse Karren in den Dreck oder an die Wand gefahren. Und immer wieder ist er mit fulminanten Bildern zurückgekehrt, die er – siehe Container – großteils gar nicht selbst produzieren musste. Was das am Burgtheater im Jänner bedeuten könnte – vielleicht auf der Basis von Bachs „Matthäuspassion“, vielleicht auch in erneutem Dialog mit Elfriede Jelinek – darüber kann man nur spekulieren.
Sicher scheint derzeit nur eines: Einmal mehr wird sich die Drehbühne in Gang setzen, die Projektionen werden zu flackern beginnen, und letztlich werden nachher alle jene Bilder mit nachhause nehmen, die sie sich jeweils aus einer Überfülle an Schlingensiefschen Angeboten ausgesucht haben. Da bleiben meist diejenigen, die sich vorher schon ein fertiges Bild gemacht haben, außen vor. Für Schlingensiefs Besuch bei „Zeitgenossen im Gespräch“ verspricht das einiges an Zündstoff.
Text: Claus Philipp
Eine Veranstaltung in Kooperation mit „Der Standard“, unterstützt von der Investkredit Bank AG.
Zeitgenossen im Gespräch: Christoph Schlingensief
Sonntag, 11. Dezember 2005
11:00 Uhr
Großer Sendesaal
Eintritt: EUR 9,-/11,- Mit RadioKulturhaus-Vorteilskarte -10% bzw. -30% Ermäßigung