HEILENDER ZAUBER AUS AFRIKA (STUTTGARTER ZEITUNG)

Veröffentlicht am Autor admin

Operndorf Christoph Schlingensief hat eine Vision. Und am Montag nimmt sie auch Gestalt an: in Burkina Faso. Von Roland Müller

Festspielhaus Afrika / Burkina Faso

Menschen, die gegen alle Widerstände ihren Lebenstraum verwirklichen, haben schon immer Bewunderung verdient. Vor ihrer Kraft und Leidenschaft, ihrer Ausdauer und Zähigkeit ziehen wir den Hut. Und wir ziehen ihn auch vor Christoph Schlingensief, der seiner Krankheit ein Projekt abgerungen hat, das viele Beobachter zunächst für reine Narretei hielten. Das ist es aber nie gewesen. Sein kühnes und, wie man heute weiß, eben keineswegs närrisches Gedankenprojekt nimmt handfeste Formen an: Am kommenden Montag legt der Aktionskünstler im westafrikanischen Burkina Faso den Grundstein für das Operndorf, dessen Realisierung er seit längerem unerbittlich verfolgt. „Ich bin total glücklich und freue mich wahnsinnig, dass es endlich losgeht“, sagt Schlingensief.

Das klingt, als werde mit dem Operndorf tatsächlich ein Lebenstraum des Künstlers wahr. Das klingt aber auch so, als fielen ihm doch Steine vom Herzen, Steine der Erleichterung, dass er diesen verwegenen Traum gegen alle Widerstände eben doch durchsetzen konnte. Schlingensief musste ja nicht nur seinen Lungenkrebs niederkämpfen, sondern auch die Skepsis, auf die sein Plan anfänglich stieß: Ein Operndorf in Afrika? Was sollte das? Wollte da ein Wirrkopf einen Kulturtempel in den Busch stellen? Und war dieser Wirrkopf nichts anderes als ein moderner Fitzcarraldo? An Vorbehalten gegenüber dem Unternehmen, dem Schwarzen Kontinent eine Oper zu schenken, fehlte es jedenfalls nicht, auch nicht bei Francis Kéré: Als der in Berlin lebende, aber aus Burkina Faso stammende Architekt von dem Projekt hörte, hielt er es für einen Scherz. Dann lernte er den Charismatiker Schlingensief kennen. Und heute ist er sein Baumeister in Laongo, wo das Operndorf aus der roten Erde der Savanne wachsen soll.

Das Dorf, eine Autostunde von der Hauptstadt Ouagadougou entfernt, soll wie ein traditioneller afrikanischer Kraal aussehen. Kéré plant eine kreisförmige Siedlung, in deren Mitte das fünfhundert Zuschauer fassende Festspielhaus steht. Rund um den Zentralbau gruppieren sich spiralförmig die weiteren Gebäude: eine Schule fürs Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch (in Spezialklassen) fürs Musik- und Filmemachen, zudem eine Krankenstation und ein Restaurant, einige Künstlerwerkstätten und viele Wohnungen. Dass alles mit traditionellen Baumaterialien hochgezogen wird, dafür sorgt der Baumeister, der schließlich kein Unbekannter in der Szene ist. Für eine ökologisch korrekte, den Natur- und Lebensverhältnissen angepasste Dorfschule in seinem Heimatort Gando hat Francis Kéré den Aga-Khan-Preis erhalten, einen der wichtigsten Architekturpreise der Welt.

Schlingensief selbst bezeichnet sein Operndorf als „soziales Kunstprojekt“. Weil aber das Soziale (die Schule, das Krankenhaus) und die Kunst (das Festspielhaus, die Werkstätten) auch in Afrika nicht umsonst zu haben sind, war der Dorfgründer im vergangenen Jahr damit beschäftigt, Geld für seinen Opernkraal aufzutreiben. Das ist ihm gelungen, trotz seiner Krankheit, die ihm zusetzte, trotz des Krebsgeschwürs, das sich wieder in den Körper fraß, trotz der Chemotherapie, die ihn zunächst mehr schwächte als stärkte. Unermüdlich warb der bald Fünfzigjährige um sein Projekt, er saß in Talkshows und Theatern, ging auf Lesereise und gab Anteilsscheine aus. Wer je das Glück hatte, ihn bei einem seiner Auftritte zu erleben, spürte das visionäre Feuer, das in ihm brannte, so glühend und lodernd, dass es bald auch seine Künstlerfreunde erfasste. Zu den Unterstützern des Operndorfs zählen heute (neben dem Goethe-Institut und der Bundeskulturstiftung) Herbert Grönemeyer, Roland Emmerich und Henning Mankell.

Mehr als eine Million Euro hat Schlingensief auf diese Weise für Burkina Faso gesammelt. Wenn er das Geld jetzt in einem der ärmsten Länder der Welt investiert, könnte man darin also auch eine Art Entwicklungshilfe sehen. Schlingensief aber mag diesen Begriff nicht. Entwicklungshilfe: das hat für ihn etwas Hoheitliches, etwas gnädig Gewährtes, ganz so, als würde der Gewährende für seine Arbeit keine Gegenleistung erhalten. Aber er erhält ja etwas zurück, beteuert Schlingensief, sein Engagement werde doch bestens belohnt, nämlich mit dem Reichtum fremder Kulturen und der Kraft und Spiritualität der Menschen, die diese Kulturen hervorgebracht haben. „Von Afrika lernen“ – das ist das Motto, das deshalb auch offiziell über seinem Projekt steht.

Klar ist auch, was das Operndorf in Laongo nicht sein wird. Er plane dort kein „abgehobenes Bayreuth“, sagt Schlingensief, der schon im März vor Ort ein Opern- und Tanzprojekt realisieren will. Aber Bayreuth und die Wagner-Festspiele, sie lasten wie ein Fluch auf ihm, böse, hartnäckig, unabweisbar, seit er dort den „Parsifal“ herausgebracht hat. Die Inszenierung stand zwischen 2004 und 2007 auf dem Spielplan – und just in diesem Zeitraum ist der Regisseur auch vom Dämon Krebs befallen worden. Das sagten ihm die Ärzte. Und sie sagten es ihm, merkwürdig genug, auf den Tag genau zwei Jahre vor der Grundsteinlegung am kommenden Montag in Laongo.

Schlingensief hat die Szene, in der er vom Ursprung seiner Krankheit erfuhr, in seinem Tagebuch festgehalten. „So schön wie hier kann“s im Himmel gar nicht sein“heißt das berührend intime Dokument, worin er am 8. Februar 2008, wenige Tage, nachdem ihm ein Lungenflügel entfernt worden ist, „eine extrem gute Nachricht“ vermeldet: Sein Krebs ist älter, als er dachte, weshalb der zerstörerische Dämon, entgegen seinen ursprünglichen Befürchtungen, nichts mit dem Tod seines Vater im Jahr zuvor zu tun haben könne. Und dann zitiert Schlingensief seinen Arzt. „Ich habe“, so Professor Kaiser, „voller Schrecken gelesen, dass Sie gesagt haben, nach Bayreuth bekämen sie Krebs. Ich bin ja nicht abergläubisch, aber sagen Sie so was nie wieder. Sagen sie so etwas nie wieder!“

Zwei Jahre später nun wird Schlingensief in der Mittagshitze der Savanne auf einem Acker stehen, um den Startschuss für sein Operndorf zu geben. Der Kulturminister aus Burkina Faso wird ihm dabei ebenso zuschauen wie der deutsche Botschafter, der dort seinen Dienst tut. Aber was sie und andere wichtige Menschen dabei sehen, ist womöglich mehr als nur eine Grundsteinlegung. Es ist vielleicht auch der Versuch, einen Zauber zu beschwören: einen afrikanischen Gegenzauber zum germanisch menschenfressenden Bayreuth. Dreizehn Theatercontainer mit Bühnenbauten und Bühnenbildern, gestiftet von der Ruhrtriennale, treffen in diesen Tagen in Burkina Faso ein. Der Gegenzauber kann seine heilende Arbeit aufnehmen.

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 05.02.2010